Sandra
11 Oktober 2009 @ 15:08
Alles, was ich wollte, war ein großartiges Leben. Ein phantastisches Leben. Ein Märchenleben. Ein Leben vollkommen frei von Scherben, Schelte und Scherereien. Ohne >>O ... hell<<-Gefühl. War das denn zu viel verlangt?
Adrian Mayfield, noch keine siebzehn Jahre alt, verliert seine Anstellung als Ladenjunge in einem Herrenmodegeschäft, und steht auf der Strasse, ohne Geld, ohne ein Dach über dem Kopf. Er sucht zunächst Unterschlupf bei seinem Vater, doch von dem gealterten Schauspieler und Säufer kann er keine Hilfe erwarten. Und vor den Moralpredigten und den Binsenweisheiten seiner strengen Mutter fürchtet er sich. Denn Andrian will sein Leben nicht als Ladensklave verbringen, wozu ihn seine Mutter bestimmt drängen würde. Was gibt es schon sonst für Möglichkeiten für einen Jungen wie ihn? Von Hunger geplagt entscheidet sich Adrian, einem Kunden des Herrenmodegeschäfts einen Besuch abzustatten, Augustus Trops, der dem Jungen bei einem seiner Einkäufe seine Visitenkarte gegeben hatte. Dieser ist Maler, und bietet Adrian an, ihm für ein nettes Gehalt Modell zu stehen. Trops führt Adrian in den Kreis um Oscar Wilde ein, wo er den Maler Vincent Farley kennen lernt, der Adrian auch als Modell für eins seiner Gemälde haben will.
Anfangs kann sich Adrian von dem Geld, das er von Trops und Farley bekommt, ein billiges Zimmer mieten, sodass er wenigstens ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat. Doch er träumt eher davon, ein festes Mitglied an Oscar Wildes Tisch zu sein, und dazuzugehören. Als die Ferienzeit beginnt und seine 'Freunde' in den Ferien fahren, bleibt Adrian ohne Einkommesquellen zurück, und sieht keine andere Wahl, seinen Lebensstil zu verbessern, als sich zu prostituieren. Für Geld verkauft er seinen Körper an Männern, zu der Zeit ein gefährliches Geschäft, und lässt sich mit Leuten ein, die auch noch andere Einkommesquellen haben. Panter. Oscar nennt sie Panter.

Ich sage immer, dass ich für Liebesgeschichten nichts übrig habe. Und das stimmt eigentlich auch. Vor allem dann nicht, wenn es um eine belanglose Romanze zwischen einem Mann und einer Frau geht. Doch dieser Roman hat es mir angetan. Zum einen, weil es nicht um die Lieben zwischen einem Mann und einer Frau geht, sondern zwischen zwei Männern. Und zum anderen, weil es mehr ist, als nur eine Liebesgeschichte. Es ist auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden und über Selbstfindung. Spannend, lehrreich, rührend.
An sich hat der Roman ein ziemlich banales Thema: Die Liebe zwischen einem Modell und dem Maler, die aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen, und zu allem Überfluss auch noch beide Männer sind. Doch die Autorin schafft es, daraus ein spannendes und anregendes Lesevergnügen zu machen. Die Sprache, in der die Geschichte erzählt wird, ist wunderbar, an einigen Stellen gradezu poetisch. Die Charaktere sind lebendig und liebenswert, wenn auch niemals perfekt. Man folgt Adrian auf seinen Irrwegen durchs Leben, lacht und weint mit ihm, hofft, dass er irgendwann doch sein Glück findet, und sein Leben kein schlimmes Ende nimmt.
Der Roman hat jede Menge Drama zu bieten, Väter, die ihre Söhne mit ihrem Hass in den Selbstmord treiben, Hausdiener, die in ihrer Freizeit 'Sodomiten' in dunklen Gassen verprügeln, Erpresser... Und dazwischen Adrian Mayfield auf der Suche nach seinem Märchenleben.

Ich habe das Buch sehr genossen, und kann es kaum noch erwarten, die Fortsetzung zu lesen. Auch wenn ich ein wenig Angst habe, dass die Geschichte wirklich kein gutes Ende nehmen kann. Wir alle wissen, wie die Geschichte mit Oscar Wilde und Bosie Douglas geendet hat...
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Sandra
20 September 2009 @ 11:14
Dies ist die Geschichte von Locke Lamora - Meisterdieb, Lügner und wahrer Gentelman -, der mit seiner Bande die engen Gassen und verschlungenen Kanäle des uralten Herzogtums Camorr durchstreift und die Reichen und Betuchten um ihre Schätze erleichtert. Bis ein skrupelloser Mörder die Herrschaft über Camorr an sich reißen will - und für Locke Lamora das Abenteuer seines Lebens beginnt...

Locke Lamora ist eine Weise - ein Schicksal, welches kein Camorri teilen will, denn Weisenkinder in Camorr können vom Leben nicht mehr viel erwarten. Entweder sie werden von Sklavenhändlern aufgegriffen, oder aber sie landen bei dem Lehrherren der Diebe, dem Taschendieb mit neun gebrochenen Fingern, der sich eine kleine Armee von Kindern hält, die Tag und Nacht durch die Strassen von Camorr schleichen und für ihn Beute einholen. Doch Locke hat ein kleines Problem - er stiehlt einfach zuviel, und passt sich nur schlecht an. Und nachdem er mehr Mist gebaut hat, als man ihm eigentlich durchgehen lassen kann, entscheidet sich der Lehrherr der Diebe, den Jungen weiter zu verkaufen. Chains, der Priester ohne Augen, der Perelandro dient aber dem Korrupten Wächter huldigt, nimmt Locke bei sich auf, und bildet den Jungen zu dem gefürchtesten Trickbetrüger aus, der den Adel von Camorr jemals heimgesucht hat.
Locke Lamoras Faustregel lautete folgendermaßen - ein gelungener Schwindel erfordete drei Monate Planung, drei Wochen, um ihn einzustudieren, und zum Schluss drei Sekunden, in denen sich entschied, ob man das Vertrauen seines Opfers gewann oder für immer verspielt hatte.
Chains Gentelmen-Ganoven, die Zwillige Calo und Galdo, Jean, Bug und Locke, spielen Capa Barsavi die braven Pezons vor, während sie die Pairs von Camorr nach allen Regeln der Kunst und gegen den Geheimen Frieden ausnehmen. Ihr bisher größter Coup, den sie schon seit geraumer Zeit planen, ist grade noch voll im Gange, als der Graue König, der schon seit einiger Zeit die loyalsten Bandenführern des Capas meuchelt, zum letzten Schlag ausholt. Unverhofft haben auch die Gentelmen-Ganoven das Pech, in die Ereignisse hineingezogen zu werden, was nicht nur ihre Pläne, sondern auch ihr Leben bedroht. Und als auch noch die Spinne des Herzogs mitspielen will, wird es für die fünf erst richtig gefährlich.
'Eines Tages, Locke Lamora', orakelte er, 'eines Tages wirst du in deinem maßlosen Ehrgeiz einen so großen, so herrlichen, so überwältigenden Mist bauen, dass die Himmel brennen, die Monde im Kreis tanzen und die Götter höchstselbst voller Begeisterung Kometen scheißen werden. Ich hoffe nur, dass ich das noch erleben darf.'
Ich muss sagen, ich war von dem Buch ziemlich begeistert. Aber mir hat schon immer gefallen, in anderen, erfundenen Welten einzutauchen, die unserer so gleichen und sich doch so sehr von ihr unterscheiden. Camorr ist eine mittelalterlich anmutende Stadt, die auf den Ruinen einer noch älteren Kultur gebaut ist, die den Menschen hohe, gläserne Wohntürme hinterlassen hat. Die Alchemie ist hier eine hohe Kunst, mit deren Hilfe man Lampen zum Glühen bringen und sogar Pflanzen und Tiere nach seinen Wünschen manipulieren und gestalten kann. Magie dagegen ist nur einem bestimmten Schlag von Menschen vorbehalten - man nennt sie Soldmagier -, und diese stellen ihre Kunst nur gegen hohe Geldsummen zur Verfügung.
Der Hergoz von Camorr - der Herrscher der Stadt - und der Capa - der Boss der Unterwelt - haben eine besondere Vereinbarung getroffen, der als Geheimer Frieden bekannt ist: Adlige dürfen von den Richtigen Leuten - Betrügern, Mördern, Räubern und ihresgleichen - nicht behelligt werden. Genau gegen diesen Frieden verstoßen die Gentelmen-Ganoven, wenn sie ihre genialen Coups durchziehen, und die Adligen ausnehmen wie Hühnchen. Doch sie sind klug genug, um niemals erwischt zu werden. Sie stehlen auch nicht um des Geldes Willen, damit scheinen sie recht wenig anfangen zu können. Sie tun es, um ihre Fertigkeiten auf die Probe zu stellen, weil sie Spaß daran haben, Pläne auszutüfteln, Vorbereitungen zu treffen, und ihre Erfolge dann bei üppigen Festmahlen in ihrem geheimen Versteck unter dem Tempel des Perelandro zu feiern.
Die Sanza-Zwillinge können alles - schauspielern und kämpfen - tun sich aber in nichts besonders hervor. Außer vielleicht darin, beim Kartenspiel zu betrügen. Dafür sind sie bei den Richtigen Leuten berühmt berüchtigt. Locke ist wegen seiner Statur kein brauchbarer Kämpfer, aber ein begnadeter Schauspieler, Lügner und Planer. Und einstecken kann er auch verdammt gut. Meinstens muss er nur solange durchhalten, bis Jean kommt. Der massige Mann ist nämlich der Schläger der Truppe, und von jedem, der etwas Verstand besitzt, gefürchtet. Bug ist ein Gentelman-Ganove in Ausbildung, ähnelt aber in seiner Spontaneität sehr dem jungen Locke. Die fünf vertrauen sich blind, verlassen sich aufeinander, und auch, wenn sie bei Gelegenheiten nicht wirklich zimperlich sind, sind sie doch symphatisch. Vielleicht, weil sie einfach nur menschlich sind und voller Fehler. 
Es gibt Siege, die haben einen bitteren Beigeschmack.
Was mich beim Lesen irritiert hat, jedenfalls am Anfang, waren die kurzen Rückblenden zwischen den Kapiteln, in denen Ereignisse aus der Vergangenheit geschildert wurden. Manchmal, vor allem gegen Ende, war es so spannend, dass ich geneigt war, die Zwischenspiele einfach zu überfliegen, und direkt weiterzulesen. Aber das tat ich dann doch nicht, weil sie doch sehr interessant waren, und vieles aus der Vergangenheit der Hauptpersonen und der Stadt verrieten. Es wäre aber schön gewesen, wenn der deutsche Verlag auch die Karte von Camorr mit abgedruckt hätte, denn bei all den vielen neuen Orten, die man sich merken musste, hätte eine Karte für einen besseren Überblick gesorgt. Aber da ist Google dein Freund. Das Buch lässt sich gut und flüssig lesen, die Übersetzung scheint soweit gut zu sein. Die Sprache kann dementsprechend an manchen Stellen derb, und geschilderte Ereignisse können manchmal durchaus verstörend sein, aber angesichts der Gesellschaft, in der das Ganze spielt, finde ich das gar nicht unpassend.
Alles in allem ist das Buch sehr empfehlenswert, und ich finde es traurig, dass ich es erst jetzt entdeckt habe, wo es doch schon seit ein paar Jahren raus ist. Ich habe mir vorgenommen, sobald ich den zweiten Teil der Reihe, 'Sturm über roten Wasser', gelesen habe, werde ich eine deutsche Fansite für die Serie auf die Beine stellen. Mal sehen, ob ich das tatsächlich durchziehe...

P.S. 'Ila justicca vei cala' bedeutet 'Die Gerechtigkeit ist rot' im alten Thron Therin.
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